Filmkritik: Sex & Rock ’n’ Roll zwischen 9 Songs
9 Songs wurde erstmals am 8. Januar 2008 im deutschen Fernsehen auf dem Sender 3sat im Nachtprogramm ausgestrahlt. Die Programmzeitschrift Tele fasste den Liebesfilm wie folgt zusammen: „Für einen gelungenen Porno fehlen die Stellungswechsel, für einen gelungenen Spielfilm die Handlungsfäden.“ Beim Sender 3sat dagegen deutete man den Film als „mutiges Experiment“: „Michael Winterbottoms Film lässt viele Lesarten zu. Nur Moralisten dürften darin Pornografie entdecken. [...] Man sollte sich diesen Film unbedingt anschauen, ihn als mutiges und klug gefilmtes Experiment eines kompromisslosen Regisseurs rezipieren.“
Was also ist 9 Songs, ein mäßiger Porno oder ein experimentelles Abenteuer?Lisa ist eine amerikanische Austauschstudentin, die für ein Jahr nach London zieht. Bei einem Rockkonzert in der Brixton Academy Hall lernt sie Matt, einen englischen Klimaforscher, kennen. Beide fühlen sich zueinander hingezogen und kommen sich schnell näher. Im Verlauf der Handlung besuchen sie acht weitere Konzerte. Die Konzert-Szenen wechseln sich mit intensiven Sexszenen ab, bis Matt schließlich in die Antarktis aufbricht und Lisa London wieder verlässt.
Der Film ist als Flashback aufgebaut und erzählt Matts Erinnerungen an seine Zeit mit Lisa. Im kurzen Vorspann sieht man Matt in der Antarktis. Er reflektiert:
„Wenn ich an Lisa denke, fallen mir nicht ihre Kleider ein oder ihre Arbeit, woher sie kam oder was sie gesagt hat. Ich erinnere mich an ihren Geruch, ihren Geschmack, ihre Haut, die meine berührte.“
Matts Verbindung zu Lisa ist körperlich. Wenn er an sie denkt, denkt er an den Sex mit ihr. Es folgt eine Szene, in der Lisa und Matt Sex haben. Schnitt. Der Titel – 9 Songs – wird eingeblendet. Kurz darauf wird er mit den Bildern einer Rockgruppe überblendet und der Zuschauer findet sich in der Brixton Academy Hall bei einem Konzert von Black Rebel Motorcycle Club wieder. Es sind authentische Szenen. Es sind Szenen, die vorwiegend die Rockgruppe fokussieren. Die beiden Hauptdarsteller stehen im Hintergrund – sie treten ab und zu in mitten des Publikums in Erscheinung. Unerwartet wechselt das Bild nun zwischen Rockkonzert und Sex zwischen Matt und Lisa. Die Bewegungen sind hastig und aufschaukelnd. Man sieht Matt, wie er Lisa oral befriedigt, wie er ihre Nippel berührt. Es folgen weitere intime Sexszenen. Der Film nimmt seinen Lauf.
9 Songs ist als Liebesfilm ausgeschrieben. Obwohl er viele Hardcore-Sexszenen zeigt, kann man den Stil nicht als pornographisch einstufen. Die Szenen entsprechen nicht den üblichen Sexszenen eines Pornos. Sie zeigen viel, aber auf eine sehr authentische Art und Weise. Sie reichen vom normalen Geschlechtsakt über eine explizit gefilmte Penetration, Ejakulation und Masturbation bis zur Nahaufnahme beider Geschlechtsorgane. Die Großaufnahmen bleiben unkommentiert, sie zeigen den reinen Akt zweier Liebender. Es entsteht keine unterschwellige Anmerkung des Regisseurs durch Montageeffekte. Es versteckt sich auch kein durchdringendes Statement, welches den Zuschauer vor die – Was will der Autor damit sagen? – Frage stellt. Es ist alltäglicher, leidenschaftlicher, liebevoller, aggressiver Sex. Es sind ein Penis und eine Scheide in Großaufnahme, es ist ein Nippel, der zwischen Daumen und Zeigefinger geschmeidig massiert wird. Tabus kennt der Film nicht. Alles wird gezeigt, weil alles Bestandteil der Realität ist.
Und dennoch, trotz dieser ausführlichen und deutlichen Darstellung von Sex unterscheidet sich 9 Songs von konventionellen Pornofilmen. Der Film zielt nicht zwangsläufig auf die Erweckung sexueller Erregung beim Zuschauer ab. Tatsächlich steht die Liebesgeschichte – natürlich in Kombination mit den Sexszenen – im Vordergrund. Eine Szene betont den Liebesaspekt besonders: Lisa und Matt sitzen bei kaltem Wetter am menschenleeren Strand, woraufhin Matt meint: „Der einzige Grund da rein zu springen ist meine Liebe zu dir.“ Sie reagiert lachend: „Das ist so was von langweilig.“ Er steht auf, zieht sich aus, springt ins eiskalte Wasser und ruft: „Ich liebe dich“.
Es sind nur wenige Worte, viel mehr die Gesten im Film, die dem Zuschauer klar machen, dass Matt mehr für Lisa empfindet. Lisa ist zu jung, zu verrückt, zu unzähmbar für eine feste Bindung. Sie ist für Matt wie die Antarktis: wunderschön, aber unbezwingbar – ein hoffnungsloses Unterfangen. Am Ende des Films wird der letzte Rocksong – Love burns von Black Rebel Motorcycle Club – eingespielt. Er enthält eine Zeile, die den Gemütszustand von Matt gut zusammen fasst: „Now she’s gone, love burns inside me“.
Insbesondere die Musik ist ein wichtiges und unterstreichendes Element im Film. Man könnte fast sagen, der Film hat manchmal Ähnlichkeit mit moderner Musikvideomanier. Konzertszenen aktueller Brit-Pop-Bands wie Franz Ferdinand, The von Bondies, Black Rebel Motorcycle Club u.a., tauchen sich in aufregende Farbwechsel und zeigen ein aufgeheiztes Publikum. Die Musikszenen wechseln sich mit den Liebesszenen ab. Wie die Sexszenen sind auch die Konzertszenen teilweise hastig und in schneller Folge geschnitten. Winterbottom unterstützt so den Charakter der Intensität. Zudem, setzt er die Songs in geschickter Reihenfolge ein, sodass dem Zuschauer meist klar ist, in welcher Gemütsverfassung sich Matt befindet. Musik ist der Zugang zum Film; sie verstärkt und symbolisiert Emotionen und Körperlichkeit.
9 Songs ist also ein experimentelles Abendteuer. Der Zuschauer bekommt nicht nur viele explizite, interessante Sexszenen zu sehen, sondern kann sich auch in der Musik und den Gemütszuständen der Protagonisten verlieren.
Die Stärke des Films liegt vor allem in der positiven Darstellung von Sex. 9 Songs durchbricht konventionelles Denken. Sex wird nicht als schlecht oder unmoralisch kategorisiert. Sex ist Teil unseres Alltags, er ist Intimität und Freude und dies zelebriert der Film!
Originaltitel: 9 Songs
Regie: Micheal Winterbottom
UK: 2004
KH
Trailer von 9 Songs auf englisch…
Sex & Rock ’n’ Roll zwischen 9 Songs
9 Songs wurde erstmals am 8. Januar 2008 im Deutschen Fernsehen auf dem Sender 3sat im Nachtprogramm ausgestrahlt. Die Programmzeitschrift Tele fasste den Liebesfilm wie folgt zusammen: „Für einen gelungenen Porno fehlen die Stellungswechsel, für einen gelungenen Spielfilm die Handlungsfäden.“ Beim Sender 3sat dagegen deutete man den Film als „mutiges Experiment“: „Michael Winterbottoms Film lässt viele Lesarten zu. Nur Moralisten dürften darin Pornografie entdecken. [...] Man sollte sich diesen Film unbedingt anschauen, ihn als mutiges und klug gefilmtes Experiment eines kompromisslosen Regisseurs rezipieren.“
Was also ist 9 Songs, ein mäßiger Porno oder ein experimentelles Abendteuer?
Lisa ist eine amerikanische Austauschstudentin, die für ein Jahr nach London zieht. Bei einem Rockkonzert in der Brixton Academy Hall lernt sie Matt, einen englischen Klimaforscher, kennen. Beide fühlen sich zueinander hingezogen und kommen sich schnell näher. Im Verlauf der Handlung besuchen sie acht weitere Konzerte. Die Konzert-Szenen wechseln sich mit intensiven Sexszenen ab, bis Matt schließlich in die Antarktis aufbricht und Lisa London wieder verlässt.
Der Film ist als Flashback aufgebaut und erzählt Matt’s Erinnerungen an seine Zeit mit Lisa. Im kurzen Vorspann sieht man Matt in der Antarktis. Er reflektiert:
„Wenn ich an Lisa denke, fallen mir nicht ihre Kleider ein oder ihre Arbeit, woher sie kam oder was sie gesagt hat. Ich erinnere mich an ihren Geruch, ihren Geschmack, ihre Haut, die meine berührte.“
Matt’s Verbindung zu Lisa ist körperlich. Wenn er an sie denkt, denkt er an den Sex mit ihr. Es folgt eine Szene in der Lisa und Matt Sex haben. Schnitt. Der Titel – 9 Songs – wird eingeblendet. Kurz darauf wird er mit den Bildern einer Rockgruppe überblendet und der Zuschauer findet sich in der Brixton Academy Hall bei einem Konzert von Black Rebel Motorcycle Club wieder. Es sind authentische Szenen. Es sind Szenen, die vorwiegend die Rockgruppe fokussieren. Die beiden Hauptdarsteller stehen im Hintergrund – sie treten ab und zu in mitten des Publikums in Erscheinung. Unerwartet wechselt das Bild nun zwischen Rockkonzert und Sex zwischen Matt und Lisa. Die Bewegungen sind hastig und aufschaukelnd. Man sieht Matt, wie er Lisa oral befriedigt, wie er ihre Nippel berührt. Es folgen weitere intime Sexszenen. Der Film nimmt seinen Lauf.
9 Songs ist als Liebesfilm ausgeschrieben. Obwohl er viele Hardcore-Sexszenen zeigt, kann man den Stil nicht als pornographisch einstufen. Die Szenen entsprechen nicht den üblichen Sexszenen eines Pornos. Sie zeigen viel, aber auf eine sehr authentische Art und Weise. Sie reichen vom normalen Geschlechtsakt über eine explizit gefilmte Penetration, Ejakulation und Masturbation bis zur Nahaufnahme beider Geschlechtsorgane. Die Großaufnahmen bleiben unkommentiert, sie zeigen den reinen Akt zweier Liebender. Es entsteht keine unterschwellige Anmerkung des Regisseurs durch Montageeffekte. Es versteckt sich auch kein durchdringendes Statement, welches den Zuschauer vor die – Was will der Autor damit sagen? – Frage stellt. Es ist alltäglicher, leidenschaftlicher, liebevoller, aggressiver Sex. Es ist ein Penis und eine Scheide in Großaufnahme, es ist ein Nippel, der zwischen Daumen und Zeigefinger geschmeidig massiert wird. Tabus kennt der Film nicht. Alles wird gezeigt, weil alles Bestandteil der Realität ist.
Und dennoch, trotz dieser ausführlichen und deutlichen Darstellung von Sex unterscheidet sich 9 Songs von konventionellen Pornofilmen. Der Film zielt nicht zwangsläufig auf die Erweckung sexueller Erregung beim Zuschauer ab. Tatsächlich steht die Liebesgeschichte – natürlich in Kombination mit den Sexszenen – im Vordergrund. Eine Szene betont den Liebesaspekt besonders: Lisa und Matt sitzen bei kaltem Wetter am menschenleeren Strand, woraufhin Matt meint: „Der einzige Grund da rein zu springen ist meine Liebe zu dir.“ Sie reagiert lachend: „Das ist so was von langweilig.“ Er steht auf, zieht sich aus, springt ins eiskalte Wasser und ruft: „Ich liebe dich“.
Es sind nur wenige Worte, viel mehr die Gesten im Film, die dem Zuschauer klar machen, dass Matt mehr für Lisa empfindet. Lisa ist zu jung, zu verrückt, zu unzähmbar für eine feste Bindung. Sie ist für Matt wie die Antarktis: wunderschön, aber unbezwingbar – ein hoffnungsloses Unterfangen. Am Ende des Films wird der letzte Rocksong – Love burns von Black Rebel Motorcycle Club – eingespielt. Er enthält eine Zeile, die den Gemütszustand von Matt gut zusammen fasst: „Now she’s gone, love burns inside me“.
Insbesondere die Musik ist ein wichtiges und unterstreichendes Element im Film. Man könnte fast sagen, der Film hat manchmal Ähnlichkeit mit moderner Musikvideomanier. Konzertszenen aktueller Brit-Pop-Bands wie Franz Ferdinand, The von Bondies, Black Rebel Motorcycle Club u.a., tauchen sich in aufregende Farbwechsel und zeigen ein aufgeheiztes Publikum. Die Musikszenen wechseln sich mit den Liebesszenen ab. Wie die Sexszenen sind auch die Konzertszenen teilweise hastig und in schneller Folge geschnitten. Winterbottom unterstützt so den Charakter der Intensität. Zudem, setzt er die Songs in geschickter Reihenfolge ein, sodass dem Zuschauer meist klar ist, in welcher Gemütsverfassung sich Matt befindet. Musik ist der Zugang zum Film; sie verstärkt und symbolisiert Emotionen und Körperlichkeit.
9 Songs ist also ein experimentelles Abendteuer. Der Zuschauer bekommt nicht nur viele explizite, interessante Sexszenen zu sehen, sondern kann sich auch in der Musik und den Gemütszuständen der Protagonisten verlieren.
Die Stärke des Films liegt vor allem in der positiven Darstellung von Sex. 9 Songs durchbricht konventionelles Denken. Sex wird nicht als schlecht oder unmoralisch kategorisiert. Sex ist Teil unseres Alltags, er ist Intimität und Freude und dies zelebriert der Film!
Originaltitel: 9 Songs
Regie: Micheal Winterbottom
UK: 2004
KH
Dieser Film wirft die Frage auf: Was wollen wir eigentlich sehen? Einen Porno oder eine gut durchdachte Liebesgeschichte? Da er sich nicht so ganz entscheiden kann bzw. will, wirkt er an einigen Stellen etwas schwach…er ist weder Fisch noch Fleisch. Dennoch muss ich sagen, Hut ab vor Winterbottoms Experiment! Er hat damit eine weitere, unglaublich wichtige, Diskussion zum Thema Porno und erotischer Film angeleihert. Er zeigt mit seiner Konsequenz einfach alles zu zeigen, dass Sex im Film mit großem Respekt und einer zärtlichen Sensibilität inszeniert werden kann…Deshalb: trotz Schwächen…angucken!! Am besten, mit dem Partner/ der Partnerin