Rezension: Sophie Andresky – Vögelfrei

Montag, August 30, 2010 @ 08:08 PM  stk

Vögelfrei von Sophie AndreskySophie Andresky ist mit ihrem Romandebüt “Vögelfrei” zur Bestsellerautorin geworden. Heute ist ihr zweiter Roman “Fuck Your Friends” erschienen und die weibliche und vor allem männliche Leserschaft blickt gespannt auf das Werk der Berliner Autorin. Unsere Redakteurin Carla hat nochmal einen Blick auf “Vögelfrei” geworfen und verrät, was sie von diesem viel gelobten Buch hält. Die Rezension zu “Fuck Your Friends” wird natürlich in Kürze hier erscheinen.

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„Wenn ich eins gelernt habe in diesen Jahren, dann, dass es niemals ‚nur Sex‘ ist.“

Zu diesem Ergebnis kommt Marei ein Jahr nachdem ihr Mann sie betrogen hat. Als dieser ihr den Ehebruch mit den Worten „es war doch nur Sex“ gestanden hatte, ist für Marei eine Welt zusammengebrochen. Sie verlangt Genugtuung – nach ihren eigenen Regeln. So fordert sie ein Jahr, in dem sie tun und lassen kann, was sie will – auch, oder gerade sexuell. Marei stürzt sich Hals über Kopf ins Abenteuer. Das führt sie in die Arme von verschiedensten Männern und Frauen. Sechs von ihnen sollten ihr Leben auf die eine oder andere Weise entscheidend verändern.

Marei erlebt spontane Quickys mit völlig Unbekannten, mal in einem Kaffee, mal in einem Flugzeug, wird Teil obskurer SM-Sessions im Studio eine kreativen Pro-Dom, zerstört das Leben eines Inders in New York und verzaubert einen jungen Mann, der mit ihr seine Unschuld verliert. Und das ist nur ein kleiner Querschnitt aus diesem Jahr. Marei genießt das Leben in vollen Zügen und lässt dabei keine Gelegenheit aus, ihren reuigen Ehemann Teil ihres Spiels werden zu lassen. Schließlich soll er wissen, wie sehr sie gelitten hat.

Die Geschichte spielt am Ende des vereinbarten Jahres, wo die Protagonistin ihre bedeutendsten LiebhaberInnen zu einem Abendessen einlädt, von ihren Erlebnissen erzählt und dabei das eine oder andere Geheimnis lüftet.

Sophie Andresky konfrontiert die Heldin ihres ersten Romans quasi mit allem, was der sexuelle Spielplatz zu bieten hat und bedient damit wohl vordergründig Männerphantasien. Darüber hinaus widmet sie ein ganzes Kapitel der fast schon satirischen Darstellung von SM-Szenarien, wie man sie nicht einmal in schlechten Pornos finden würde, und gibt dem Klischee des geistesgestörten SMlers so reichlich Futter.

Auch die Informationspolitik in Vögelfrei lässt ein wenig zu wünschen übrig. Auf den ersten Seiten wird der Leser beispielsweise vor eine Frage gestellt, die im Verlauf immer wieder angerissen wird und damit an Mysteriösität gewinnt. Ihre Auflösung im letzten Kapitel stellt sich jedoch als Banalität und für die Geschichte völlig irrelevant heraus. Andere wesentlich bedeutendere Fragen bleiben hingegen unbeantwortet und hinterlassen ein Stirnrunzeln beim Leser. Warum Dildos surren (und man sie nicht direkt Vibratoren nennt) wird ebenfalls ein Rätsel bleiben.

Dass auch erotisches Vokabular Nuancen hergibt, die an der einen oder anderen Stelle durchaus bedenkenlos hätten angewendet werden können, sei am Rande erwähnt. Hier fehlt situations-bezogen das Feingefühl, was manche Szenen selbst für einen Porno plump wirken lässt.

Andreskys erster Roman knüpft gut an ihre Kurzgeschichten an. Denn kaum etwas anderen findet man in Vögelfrei, eingebettet in einen Rahmen, der verdächtig an jene Szenen erinnert, in denen Sherlock Holmes die Lösung eines Falles den Beteiligten präsentiert und den Täter öffentlich entlarvt. Natürlich wartet in Vögelfrei auch ordnungsgemäß die Polizei in der Küche.

Die Moral des Romans zeugt von tieferen Überlegungen, wird aber durch sein Ende wieder relativiert, sodass sich das insgesamt eher schwache Bild bis zur letzten Seite durchzieht.

Mit ihrem Roman-Debut liefert Sophie Andresky eine Aneinanderreihung von Stereotypen, vereint in einer Figur, die die moderne Frau wie eine gefühllose Nymphomanin aussehen lässt, die sich für nichts zu schade ist. Ihre Kurzgeschichten waren besser.

Sophie Andresky – Vögelfrei

Heyne Hardcore 2009

238 Seiten, 7,95€

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