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Xplore 2010 – Von Körper, Geist und Sinnlichkeit

Dienstag, August 24, 2010 @ 10:08 AM  stk

Für missima habe ich am 23. Juli den ersten Tag des 07. Xplore, das in diesem Jahr unter dem Motto „Evolution“ stand, besucht. Für die missima-Leserinnen habe ich eine kleine Zusammenfassung von einem ereignisreichen Tag mitgebracht. Wie viele der Besucher war auch ich zum ersten Mal dort und wusste dementsprechend nicht so recht, was mich erwarten würde. Meine Eindrücke sind vielseitig und meine Meinung ist gespalten. Aber lest selbst, was ich auf dem Xplore erlebt habe.

Es war recht frisch am Vormittag des ersten Festivaltages. In der Nacht hatte es einen kräftigen Regenguss gegeben. Doch das beeindruckte die Besucher des 7. Xplore nicht im Geringsten. Als ich leicht verspätet – ich bin mit aller Souveränität an der Straße vorbeigelaufen – in der Schwelle 7 ankam, war dort schon einiges los. Einzig die Flexibilität der Veranstalter stellte das Wetter auf die Probe. Der starke Wind in der Nacht riss kurzerhand das „Zelt im Hof“ um, das als Seminarraum gedacht war. Im Ersatzraum war eine kuschelige Atmosphäre inklusive.

Komplett orientierungslos und ohne jede Idee, was mich wohl bei dem Workshop erwarten würde, eilte ich zu meinem ersten Programmpunkt: Erotischer Atem. Stattfinden sollte das Ganze in den Uferhallen neben an; alten Industriehallen. Mit weißen Rigipsplatten waren dort Toilettenräume improvisiert worden und ein Labyrinth aus eben solchen Platten führte die Besucher schließlich zum eigentlichen Veranstaltungsraum.

Der Workshop hatte schon begonnen. Bestimmt 100 Menschen saßen auf dem mit Holzplatten ausgelegtem Boden und hörten der Referentin gespannt zu. Barbara Carrellas, Autorin und Begründerin des Urban Tantra, leitete den Kurs. Sie erklärte verschiedene Atemtechniken und deren Wirkung, stellte Bezüge zum Alltag her und wies uns, die Teilnehmer, dann an, es selber auszuprobieren. Recht zu Anfang des Workshops hatte sie schon die gewagte Behauptung aufgestellt, dass wir in den vor uns liegenden 90 Minuten noch mindestens einen Orgasmus erleben würden – allein durch die entsprechende Atmung. Auch, wenn ich schon in anderen Kontexten ohne jegliche körperliche Stimulation zum Höhepunkt gekommen war, wusste ich nicht ganz, was ich wohl davon halten sollte, ließ mich aber auf das Spiel ein.

Die Menschen dort waren sehr verschieden. Manche Szenekundige hatten eine Latex-Veranstaltung erwartet, oder vielmehr befürchtet, Außenstehende auf Lack und Leder spekuliert. Doch weit verfehlt. Auch wenn, wie sich später herausstellte, einige SMler und Fetischliebhaber unter den Teilnehmern gewesen sind, hätte man doch die meisten von ihnen nicht als solche erkannt. Schließlich gibt es auch ein Leben außerhalb der Session…

Nach einigen Ausführungen darüber, dass falsche Atmung ungesund ist und Atmung generell das Lustempfinden maßgeblich beeinträchtigen kann, kam Barbara zum Highlight des Workshops: einer Atemmeditation, die zwei Techniken miteinander verband, die jede für sich genommen schon Höhenflüge versprechen sollte. Sie erklärte, dass sie die beiden Techniken verknüpfte, weil die Menschen auf jede einzelne unterschiedlich stark reagierten und diese Kombination die höchsten Erfolgschancen verspreche. Daraufhin demonstrierte sie das, was kurz darauf auch die Teilnehmer tun sollten und versetze damit das Plenum in Staunen. Ihre intensive, energetische Atmung versetzte sie wirklich in einen Rausch, der von irrem Lachen begleitet war. Als sie wieder bei uns war, ging dann der Selbstversuch los, untermalt von entspannender Musik und Barbaras Stimme, die die einzelnen Schritte ansagte. Was am Ende der Meditation, wir lagen dabei auf dem Boden, nach dem dritten langem Atemzug, den wir anhalten sollten, geschah, kann man nicht mehr beschreiben – nur erleben. Barbara hatte nicht zu viel versprochen. Als wir die Spannung lösen und wieder atmen durften, machte sich schlagartig ein Gefühl breit, dass allumfassender und intensiver war als jeder Orgasmus, der auf „herkömmlichem“ Wege herbeigeführt werden kann. Absolut beeindruckend.

Am Ende der Session lagen sich noch einige Teilnehmer kichernd in den Armen. Ich weiß nicht, wie sich ein Drogenrausch anfühlen mag. Aber das hier war definitiv besser.

Auf dem Weg zum zweiten Programmpunkt traf ich Miss Tobi. Sie ist Künstlerin und stammt ursprünglich aus dem Kölner Raum. An Berlin hat sie die bunte Queer- und Kunstszene gereizt, am Xplore das Programm. Sie war auch zum ersten Mal dabei und „wollte man schauen, was sich so dahinter verbirgt“. Auch sie fand den vorherigen Workshop „total cool“.

In dem etwa 12 m² großen (oder eher kleinen) Raum, der das vom Winde verwehte Zelt im Hof ersetzen musste, kuschelten sich rund 30 Teilnehmer eng beieinander auf dem Fußboden. Gute räumliche Voraussetzungen sind was anderes, aber zumindest sie haben Spaß und Stimmung keinen Abbruch getan.

Zu jeder der angegebenen Uhrzeiten fanden drei verschiedene Workshops parallel statt, und das die gesamten 3 Festivaltage lang. Einige von ihnen wurden mehrfach angeboten, an einem Termin auf Deutsch, an dem anderen auf Englisch. Entscheiden musste ich mich dummerweise, und so ging es nun zu „Dirty Talk“. Der österreichische Schauspieler und Regisseur Ottokar Lehrner hat diesen Workshop geleitet. Er berichtete aus seinem reichen Erfahrungsschatz, stellte fest, dass Dirty Talk auf Deutsch albern klingt, verglich es aber auch von vorn herein mit einem Rollenspiel. Als sich das Gespräch mit dem Plenum nach kurzer Zeit aber zu einer metasprachlichen Betrachtung entwickelte und der Ton einiger Teilnehmer unangemessen aggressiv wurde, verlor das Thema schnell jeglichen Reiz. Mit der nachfolgenden Gruppenübung fand dann ein etwas hilfloser Versuch statt, die Veranstaltung wieder in Bahnen zu lenken. Zumindest glückte er. Wir sollten uns in kleinen Gruppen zusammentun, um dort (optimaler Weise in englischer Sprache) einen Nonsens-Text zusammenzuzimmern, der nach Herzenslust „schmutzige Wörter“ beinhalten sollte. Da jeder immer nur einzelne Wörter oder Satzfragmente schrieb, war das Gelächter beim Vortragen der Ergebnisse groß. Ergo: Wenn man drüber lacht, kann es so schlimm gar nicht sein!

Die nächste Übung hat aber endgültig bewiesen, dass das Xplore nichts für Schüchterne ist. Die Aufgabe bestand darin, sich in Paaren zuerst zusammenzufinden, um sich dann gegenseitig ein Geheimnis aus der jeweils eigenen sexuellen Vergangenheit zu verraten (was einem Wildfremden gegenüber realistisch gesehen wesentlich einfacher ist, als einem Freund oder Beziehungspartner). Damit war so zu sagen das Eis gebrochen.

Bei der Übung war Tantra – Lehrer Nils mein Gegenüber. Wie viele andere Teilnehmer war er auch zum ersten Mal beim Xplore und nutze die Gelegenheit, das Festival kennenzulernen. Für ihn bot es sich an, denn er konnte „Beruf und Hobby miteinander verbinden“. Direkt zu Beginn des Tages fand es bei Barbara schon neue Anregungen für sein eigenes Schaffen. Der Workshop hat ihn so begeistert, dass er für das zweite Seminar von ihr, das am Sonntag stattfinden würde, „auf jeden Fall wiederkommen möchte“.

Die Übung sollte sich aber noch steigern. Nachdem man nun schon ein intimes Geheimnis des Gegenübers kannte, sollte man im nächsten Schritt zusammen eine erotische Geschichte erfinden. Einer von beiden fing an und dann ging das Spiel im Wechsel. Derbe und direkte Sprache ausdrücklich erwünscht.

Mit dieser Übung, die für einiges Schmunzeln gesorgt hat, war der Workshop auch zu Ende.

Danach ging es erstmal in die Mittagspause, die aber einen radikalen Bruch was mein Glück mit den Workshops anging, mit sich brachte. „Schwanz und Zunge“, der zweite von den noch verbliebenen dreien nach der Pause, hat absolut nichts mit dem zu tun, was Sie jetzt denken. Hier ging es wieder um Meditation. Diesmal aber um die Selbstbestimmung des Körpers unabhängig vom Bewusstsein. Ein unheimlich interessanter Ansatz, der auch nicht minder komplex war und die Demonstrationen des Seminarleiters ein wenig ad absurdum führte. Die vielen Menschen in dem Raum (nein, nicht mehr in den 12 m²) und die wenige Zeit trugen dazu bei, dass es eher schwer war, sich auf dieses Experiment einzulassen. Einigen Teilnehmern scheint es dennoch gelungen zu sein. Respekt.

In Erwartung des Workshops traf ich Simone. Sie lebt seit 22 Jahren in Berlin und bewegt sich seit Januar in der Gemeinschaft der Schwelle 7, andere würden es vielleicht die „Szene“ nennen. Das brachte für sie den Vorteil mit, dass viele für sie bekannte Gesichter unter den Besuchern waren. Aber auch für sie war das Xplore Neuland, das sie ergründen wollte. Ob es wohl weitere Menschen außer den Veranstaltern dort gab, die schon in einem der Vorjahre dabei gewesen sind? Zumindest habe ich keinen davon getroffen.

Die anderen beiden Seminare, das eine hieß „Bakterien und Viren“, das andere „Männliche Submission“ wurden von einer Pro Domme aus Berlin geleitet. Dass sie sich am Anfang von „Bakterien und Viren“ schon ausgiebig als bakteriophob outete, lieferte zumindest eine Erklärung dafür, dass einige ihrer Informationen schlicht und ergreifend falsch waren. Es fehlte ein wenig die Stringenz, sie ließ sich zu leicht ablenken, aber daneben gab es doch ein paar wissenswerte Dinge zu erfahren, wie die Lebensdauer verschiedener Bakterien und Viren. Dass man der milchsauren Scheide mit einer Packung aus mit Teebaumöl angereichertem weißem Joghurt Gutes tun kann, war mir auch neu, plausibel war es dennoch.

„Männliche Submission“ war dann aber doch zu viel des Guten. Ich hatte mir, wie einige andere Teilnehmer auch, recht viel von der Gesprächsrunde versprochen, wurde aber bitter enttäuscht und verließ bereits eine halbe Stunde vor Ende die Veranstaltung, nachdem schon andere Besucher vor mir das gleiche getan hatten. Die Diskussion drehte sich immer wieder im Kreis. Der häufig genannte Putzsklave der Referentin wurde zum Hauptgesprächsthema. Und die Behauptung, dass sie kein Bild von Männlichkeit habe, konnte man ihr auch nicht wirklich abnehmen. Schade, dass der Tag so ausklingen musste.

Ich habe nichts erwartet und mit dem Schlimmsten gerechnet. Von daher hat es mich dann auch nicht weiter gewundert, dass sich Menschen irgendwann weitestgehend nackt, gruppenkuschelnderweise oder in einer live Porno-Vorstellung wieder fanden. Wer zum Fremdschämen neigt oder schnell peinlich berührt ist, sollte das Xplore besser meiden. Allen anderen kann ich zumindest ans Herz legen, mal vorbeizuschauen. Es muss ja nicht gleich das ganze Wochenende sein. Wenn mein Eindruck auch sehr durchwachsen ist, habe ich doch einige interessante Erfahrungen mitgenommen. Eine Bereicherung war es auf jedem Fall.

Carla Desiderio

Die Autorin Carla Desiderio lebt, liebt und schreibt in Berlin.

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